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«Der Angeklagte sollte Gefühle zeigen»

Freitag, 7. Mai 2010

Er entschied sich gegen den Elfenbeinturm und wählte stattdessen das Milieu. Der Zürcher Anwalt Valentin Landmann verteidigt aus Überzeugung Menschen vom Rand der Gesellschaft. Um ein Haar wäre er selbst dort gelandet, als ihm Anfang der Neunzigerjahre Geldwäscherei und Gehilfenschaft zur Finanzierung des Drogenhandels vorgeworfen wurden.

Schaffhauser Nachrichten, Hintergrund
Luca De Carli

Ein sehr erfolgreicher Jungakademiker (29) nimmt einen Lehrauftrag in einer grossen Hafenstadt an und erliegt dem Reiz des Milieus. Schmeisst Habilitation und sein bislang gelebtes Leben hin. Können Sie mir erklären, wie es dazu kam, Herr Landmann?
Valentin Landmann: Damals in Hamburg wollte ich darüber schreiben, wie Personenkreise, die nicht zu einem Richter gehen können, trotzdem ihr Recht durchsetzen. Nach welchen Regeln diese Personen leben. Für meine Untersuchung habe ich versucht, in eine neue Sphäre einzudringen. Habe unter anderem meine ersten Kontakte zu den Hells Angels gehabt. Ich erlebte, wie in einer ersten grossen Welle in ganz Europa Polizeiaktionen gegen diese durchgeführt wurden. Das waren Alibiübungen – Versuche, zu zeigen, dass etwas gegen die organisierte Kriminalität unternommen wird. Ich habe damals erfahren, was es heisst, wenn Randgruppen verteufelt werden. Am Beispiel der Hells Angels und einiger anderer Gerichtsfälle, die ich in dieser Zeit mitverfolgt hatte, stellte ich fest, dass meine Lebensaufgabe nicht länger in der Wissenschaft lag. Ich wollte zu den Leuten. Dorthin, wo ich eine klaffende Wunde sah. Wollte nicht länger Schönheitschirurg, sondern Notfallarzt sein. Auch wenn der Schönheitschirurg sehr wohl eine wichtige Funktion ausübt.

Wie fanden Sie in Hamburg überhaupt einen Zugang zu den Hells Angels?
Landmann: Ich klopfte, völlig naiv, bei ihnen im Klublokal an. Dass sie sich damals überhaupt auf ein Gespräch mit mir einliessen, erstaunt mich bis heute. Mit einem bleichgesichtigen Bürolisten, der vor der Tür steht und fragt, ob es sich bei den Hells Angels um Verbrecher handle. Ich hatte damals ja auch meine Vorurteile. Zu meinem Erstaunen entstanden aus diesem ersten Kontakt sehr gute Gespräche. Irgendwie muss ich ihr Interesse geweckt haben.

Sie stammen aus einem sehr bürgerlichen, intellektuellen Elternhaus. Wie reagierte Ihr altes Umfeld auf den neuen Lebenswandel?
Landmann: Meine Mutter war Schriftstellerin. Sie stand immer zu mir, als ich begann, mich für Leute am Rand der Gesellschaft einzusetzen. Obwohl ich natürlich nicht ausschliesslich Aussenseiter, sondern auch mal einen Bankdirektor als Mandanten hatte. Aber dieses Einstehen dafür, dass der Staat korrekt zu den Leuten ist, sachgerechte Urteile fällt und nicht irgendwelche Gruppen kriminalisiert, dafür hat sich auch meine Mutter ihr ganzes Leben lang eingesetzt. Sie verstand deshalb meinen Schritt – hätte es aber sicher auch gerne gesehen, wenn ich die akademische Karriere fortgesetzt hätte.

Gibt es Mandate, die Sie ablehnen? Fälle, mit denen Sie nichts zu tun haben wollen?
Landmann: Ich sage nicht, dass ich bei bestimmten Taten jemanden als Mandanten grundsätzlich nicht annehme. Ich habe auch schon Lustmörder vertreten, deren Taten niemals entschuldigt werden können. Habe bei sinnlosen Morden das Mandat übernommen. Ich bin aber dazu gestanden und habe meine Arbeit als richtig empfunden. Es geht dabei immer um die Frage, wie und warum ein Verbrechen passiert ist. Nicht darum, eine Tat zu entschuldigen, sondern den Täter zu verteidigen – und in Ausnahmefällen auch darzulegen, dass er es gar nicht war. Ein Mandat lehne ich allerdings immer dann ab, wenn jemand etwas Unkorrektes von mir erwartet.

Was verstehen Sie darunter?
Landmann: Irgendeine Schlaumeierei. Es gibt Leute, die solches von ihrem Anwalt erwarten. Seltsamerweise sind das aber nie die Gangster. Die wissen, was sie von mir erwarten können und was ich machen darf. Brave Bürger aber wollen nach ihrer Verhaftung plötzlich, dass ich für sie alle möglichen Hebel in Bewegung setze, Leute zu Aussagen veranlasse. Da mache ich nicht mit. Oder jemand will einen andern mit meiner Hilfe über den Tisch ziehen und mich dafür am Gewinn beteiligen. Vielleicht bin ich ein zu schlechter Kaufmann, um bei solchen Aktionen mitzumachen. Ich bin nie reich geworden und werde es wohl nie werden. Dafür kann ich in den Spiegel schauen – auch wenn ich in meinem Leben grosse Fehler gemacht habe.

Einer dieser Fehler brachte Sie fast um die Grundlage Ihrer Existenz. Sie wurden Anfang der Neunzigerjahre wegen Geldwäscherei und Gehilfenschaft zur Finanzierung des Drogenhandels angeklagt und sassen mehrere Wochen im Bezirksgefängnis Winterthur in Untersuchungshaft.
Landmann: Ich half einem wegen eines Haschischdeliktes vorbestraften Mann. Bei seiner ersten Straftat hatte ich ihn noch nicht vertreten. Ein Bekannter von mir unterstützte ihn dann beim Aufbau eines Renovationsunternehmens und bat mich, ihm einige Türen zu öffnen. Ich willigte ein und trat für ein Honorar von 2000 Franken als Verwaltungsrat in sein Unternehmen ein. Nicht realisiert hatte ich, dass dieser Mann zwar Renovationen vornahm, sich aber gleichzeitig wieder an sehr umfangreichen Drogengeschäften beteiligte.

Sie rechtfertigen Ihr Engagement damit, dass Sie Ihrem Klienten bei der Resozialisierung helfen wollten.
Landmann: Ich betrachte die Unterwelt als Spiegel der Gesellschaft. Die beiden Sphären weisen eindeutig Parallelen auf. Ich war deshalb immer der Meinung und bin es selbst heute noch bis zu einem gewissen Grad, dass jemand, der seine Wünsche mit legalen Mitteln verwirklichen kann, keinen Grund hat, zu illegalen zu greifen. Man muss deshalb in der Resozialisierung die Leute so fördern, dass sie ihre Fähigkeiten legal einsetzen können. Klar ist allerdings, dass es immer Anreize geben wird, Illegales zu tun. Die Lehre aus diesem Fall war, dass ich nie mehr aus sozialen Gründen zu so günstigen Konditionen eine Aufgabe übernahm. Für 2000 Franken war es mir schlicht nicht möglich, zig Stunden damit zu verbringen, das Unternehmen zu kontrollieren. Hätte ich genauer hingeschaut, wären mir aber mit Sicherheit Unstimmigkeiten aufgefallen. Das wurde mir schliesslich auch von den Behörden zur Last gelegt. 1* Heute gehe ich aus Prinzip nicht mehr in Verwaltungsräte. Bleibe bei dem, was ich kann: der Verteidigung.

Beim Prozess gegen die vier ehemaligen Angestellten des Zürcher Pflegezentrums Entlisberg fiel auf, dass Ihre Mandantin vor Gericht am offensichtlichsten Reue zeigte. War das sie selber oder die Verteidigungsstrategie ihres Anwaltes?
Landmann: Meine Mandantin war von Anfang an bereit, zu ihrer Tat zu stehen. Natürlich haben aber auch die vielen gemeinsamen Gespräche zu diesem Schritt beigetragen.

Lässt sich ein Gericht, das sich auf Fakten stützen muss, überhaupt durch Reuebekundungen beeinflussen?
Landmann: Eine rein formale Bekundung im Stil von «Es tut mir leid» reicht nicht. Wichtig ist aber, dass ein Gericht aus all den Aussagen eines Angeklagten erkennt, wie er heute zu seiner Tat steht. Dass er das Unrecht einsieht. Dass man ihm wirkliches Bedauern anmerkt. Solches Verhalten kann eine Strafe um bis zu einem Drittel reduzieren. Deshalb verstehe ich die Strategie der Verteidigung im Fall der Schläger von München als Aussenstehender nicht.

Die drei Jugendlichen haben bislang vor Gericht ja konsequent geschwiegen.
Landmann: Das ist für mich schlicht nicht nachvollziehbar. Ich vertrat vor Kurzem einen jungen Mann, der einen Raubüberfall begangen hatte. Der Überfall geschah in einer alkoholisierten Gruppe von als Problemfälle bekannten Männern. Mein Mandant stand zu seiner Tat. Er konnte seine Tat zwar nicht erklären, aber glaubhaft versichern, dass er sein damaliges Verhalten heute nicht mehr versteht. Das wäre auch das Mindeste, was Gericht und Öffentlichkeit im Fall München erwarten dürften. Dass man zumindest eine Erklärung bekommt, was in den drei Jugendlichen an diesem Abend vorging. Wie so etwas Entsetzliches passieren konnte. Die Tat kann so niemals entschuldigt werden, aber die Aussagen trügen zu einem besseren Verständnis bei. Ich glaube deshalb, dass sich die Verteidigung mit ihrer Strategie eine grosse Chance auf ein sachgerechtes Urteil verspielt.

Sie haben einmal gesagt, dass Ihre Hauptaufgabe als Verteidiger darin besteht, dem Gericht Ihren Mandanten vorzustellen.
Landmann: Nicht die Tat zu entschuldigen, sondern sie zu erklären. Dass ein Täter bereit ist, über seine Tat zu sprechen, ist bei Annahme eines Mandates oft noch nicht der Fall. Die Bereitschaft entwickelt sich meist in den Gesprächen. Irgendwann kommt man zu einem Punkt, an dem der Mandant in einen Dialog tritt. Anfängt, seine Gefühle zu zeigen. Er muss ja nicht seine Tat begründen können. Er muss Gefühle zeigen. Beschreiben, was damals in ihm vorging. Das öffnet dann zum ersten Mal den Blick auf das Ganze. Dieser Blick fehlt einem Richter, wenn ein Täter nicht bereit ist zu sprechen. Es gibt aber auch Täter, die nicht darüber sprechen können. Für diese übernimmt dann der Anwalt.

Was, wenn Sie als Anwalt aber ein ganz anderes Bild von Ihrem Mandanten haben als dieser von sich selbst?
Landmann: Standardsätze über eine schlechte Kindheit genügen nicht, um mildernde Umstände zu erreichen. Es braucht schon eine detaillierte Aufarbeitung. Sollten Mandant und Anwalt eine andere Sicht des Sachverhalts haben, muss der Anwalt das Gespräch suchen. Er kann aber nicht eine total andere Haltung einnehmen. Am Schluss entscheidet immer der Mandant, wie weit sein Anwalt gehen darf.

Wie verbreitet ist Ihre Berufsauffassung unter den Verteidigern?
Landmann: Eine Generalisierung ist nicht möglich. Für mich ist die Darstellung der Tat wichtig. Es gibt aber diverse, von mir hoch geachtete Verteidiger, die einen anderen Stil pflegen. Ich bin einfach der Meinung, dass ich mit meiner Art der Verteidigung sehr oft Erfolge erziele. Erfolg bedeutet für mich ein sachgerechtes Urteil; ein Urteil, hinter dem letztlich alle Parteien stehen können.

1* Das Bezirksgericht Zürich hat Valentin Landmann 1996 wegen mehrfacher qualifizierter Geldwäscherei zu einem Jahr Gefängnis bedingt und zu einer Busse von 15 000 Franken verurteilt. Vom Vorwurf der Finanzierung des Drogenhandels und der Gehilfenschaft zu Begünstigung und Urkundenfälschung wurde er freigesprochen. Das Anwaltspatent wurde ihm nicht entzogen.



Zur Person

Valentin Landmann (59) ist seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Zürich. Zuvor lehrte er an der Universität, war Bezirksanwalt und Ersatzrichter. Sein Studium schloss er in nur sechs Semestern mit der höchsten Auszeichnung ab. Auch seine Dissertation erhielt das Prädikat «summa cum laude». 1979 nahm er einen Lehrauftrag am Max-Planck-Institut in Hamburg an. Dort kam er in Kontakt mit dem Milieu, beschloss, sein Leben zu ändern, und zerriss seine Habilitation. Bekannt wurde er als Anwalt des Zürcher Ablegers der Hells Angels. Er verteidigte aber auch einen der Fraumünster-Posträuber sowie im Wetziker Taximord. Zudem schrieb er mehrere Bücher. (ldc)

Autor: Schaffhauser Nachrichten

Kategorie: Pressespiegel

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