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«Einen Weidling zu bauen, ist spannend»
Dienstag, 17. August 2010
Den Rhein ohne Weidlinge – das kann sich niemand vorstellen. Wir besuchten Beat Kuhn in der Schreinerei Kohler in Thayngen, die diese schlanken und für unsere Gegend so typischen Boote herstellt.
Schaffhauser Nachrichten, Regionale Wirtschaft
Alfred Wüger
Auf dem Gelände der Firma Kohler in Thayngen kurvt ein Mitarbeiter, der ein Liedchen pfeift, um die Bretterstapel. Es ist Beat Kuhn. «Ja», wird er später sagen, «wir sind ein zufriedenes Völklein hier.»
Als Erstes führt er uns in die «Werft», das ist der Bereich der Zimmerei, wo die Weidlinge gebaut werden. Ausserdem sind ein Schreiner und ein Schlosser eingemietet. Beat Kuhn: «Wir sind eine Hallengemeinschaft.» Die Zimmerei Kohler ist der einzige Betrieb in der Region, der Stachelweidlinge herstellt, und zwar nur Stachelweidlinge. «Wir haben diesen Betriebszweig von Peter Wanner übernommen.» Peter «Peti» Wanner ist unter Weidlings- und Rheinenthusiasten eine bekannte Grösse. Vor rund 20 Jahren baute er seinen ersten Weidling – Beat Kuhn: «Damals tat das in der Region keiner mehr» –, und danach bekam er Aufträge, und das Geschäft wuchs. Peter Wanner zog es dann in die Welt hinaus, und er verkaufte sein Know-how an die Zimmerei Kohler, deren Chef, Urs Kohler, auch ein begeisterter Weidlingfahrer ist, und so übt Beat Kuhn dieses Handwerk nun seit rund neun Jahren aus. «Ich mache das megagern, einen Weidling zu bauen. Das ist Handwerk, da braucht man auch einmal einen Stechbeitel. Und Augenmass! Es ist eine spannende Arbeit.»
Mehrheitlich aus hiesigem Holz
Eine Sägerei aus Wilchingen liefert das gut gelagerte Holz. Zehn Meter lange Bretter. Die Bäume wachsen in Beggingen. Der Boden und die Seitenwände des Weidlings werden aus Tannenholz gefertigt und die Bretter mit Hilfe von Schablonen zugeschnitten. «Dann werden die Bodenbretter nach oben gebogen, in Form gepresst und mit den Spanten und den Seitenbrettern verschraubt.» Das werde nur mit Kraft, ohne Dampf, gemacht, sagt Beat Kuhn. Fast 1000 Schrauben würden für ein einziges Boot verwendet. Dann sind da noch die charakteristischen Bänder, die mit einer Art Riesenbostitchklammern festgemacht sind. «Die Bretter liegen mit angeschrägten Kanten aneinander, und unter dieser schmalen Trapezleiste befindet sich eine Gummidichtung.» Die ersten drei Jahre ist ein Weidling dicht, danach muss er vor dem Einwassern jeweils verschwellt werden. Wenn wir das fertige Schiff auf dem Bock in der «Werft» der Zimmerei Köhler genau betrachten, sehen wir verschiedene Farben, obwohl es nicht bemalt ist. Das Tannenholz der Seitenwände und des Bodens hat einen Grünstich. «Das Holz», sagt Beat Kuhn, «ist wie die Telefonmasten gegen Fäulnis druckimprägniert.» Die festgetackerten Leisten sind rötlich: Lärchen- oder Douglasienholz. Die Scheuerleiste oben ist ebenfalls rötlich und ganz glatt. «Das ist afrikanisches Sipo, das einzige exotische Holz, das wir verwenden. Es gibt keine Spiesse, und an dieser Kante hält man sich ja oft fest.» Und dann gibt es noch die beiden «Scho» genannten Hölzer vorne und hinten, wo die Ringe für die Ketten eingelassen sind. Sie sind, wie die Spanten, aus Eiche. Vier Holzarten sind es also, aus denen ein Weidling gebaut wird.
Unikate trotz Schablone
Und obwohl die Zimmerei Kohler nur ein einziges Modell herstellt, und das erst noch mit Schablonen, ist jedes Boot anders. Eine Woche dauern die Vorbereitungsarbeiten, und eine weitere muss man rechnen, bis der Weidling fertig zusammengesetzt ist. Dann ist er 350 Kilogramm schwer, 9,2 Meter lang, am Boden 86 cm breit, und von Scheuerleiste zu Scheuerleiste sind es 1,50 Meter. Kostenpunkt: knapp 10 000 Franken, Lebensdauer: 15 bis 20 Jahre.
Jetzt hat man zwar ein Schiff, aber fahren könnte man damit nicht. Es fehlt das Zubehör. Neben Kette, Anker, Brettern zum Anlehnen, Lampen – all das kriegt man auch bei Kohler – insbesondere Stachel und Ruder. «Stellen Sie die auch her?» – «Die Stachel kaufen wir ein», sagt Beat Kuhn, «und zwar in der Kistenfabrik Muothathal.» Früher seien die Pontoniere des Militärs Hauptabnehmer gewesen, und da habe es auch in Mannenbach am Untersee einen Hersteller gegeben. Die Ruder würden sie in der «Werft» selber verleimen. «Konrad Trümpler fräst sie dann aus. Er ist eigentlich Pilot und macht das zum Ausgleich.» Auch Kinderruder haben die Thaynger Weidlingsbauer im Angebot. Damit sich früh üben kann, wer ein Meister werden will. Denn das «Schwellen», wie die charakteristische Bewegung mit dem Stehruder genannt wird, mit der man das Boot in der Flussmitte manövriert, sei gar nicht so einfach. Beat Kuhn weiss es, obwohl er selber kein Weidlingfahrer ist. «Wir hatten keinen Weidling, und so bin ich nicht damit aufgewachsen. Ich fahre sehr gerne mit, aber sonst baue ich sie lieber und gehe schwimmen.»
Zur Person
Ausbildung
Beat Kuhn wuchs in Neuhausen auf und lebt seit 20 Jahren in Schaffhausen. Nach der Sekundarschule lernte er – Sohn eines Schreiners – Zimmermann. «Ich liebe meinen Beruf.»
Freizeit
Nein, lacht Beat Kuhn, einen eigenen Weidling habe er nicht. «Ich fahre lieber mit und gehe an den Rhein, um zu baden.» Er ist Vater von drei Kindern. «Da bin ich ausgelastet.» Die Familie ist gerne draussen in der Natur, geht mit in die Jungwacht/Blauring-Lager, um zu kochen, Skifahren ist wichtig, und wenn es ums Lesen geht, schlägt Beat Kuhn gerne die «WOZ» auf.
Meine Stärke
«Ich habe recht viel Ausdauer, wenn es sein muss.» Er zögert. «Man spricht nicht gerne über die Stärken, oder?»
Frisch von der Leber weg - Sieben Fragen zu Sinn und Glück im Leben
Interview Alfred Wüger
Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Beat Kuhn: Ich würde immer noch gerne Dachstühle und Weidlinge bauen. Ich habe gefunden, was ich haben muss.
Waren Sie ein guter Schüler?
Vielleicht wäre ich besser ge-wesen, wenn ich für die Schule mehr Zeit gehabt hätte. Ich streifte schon damals lieber im Wald herum, als drinzusitzen.
Was waren Ihre Lieblingsfächer?
Rechnen, Geometrie, Biologie, Geografie.
Was ist für Sie Glück?
Die Familie und dass es so ist, wie es ist. Auch bei der Arbeit. Wir sind ein zufriedenes Völkchen hier.
Was wünschen Sie den Menschen allgemein?
Mehr Ruhe und weniger Hektik. Was man heute nicht erledigen kann, das erledigt man eben morgen.
Was würden Sie niemals in Ihrem Leben tun?
Wenn es zu umgehen ist in meinem Leben, dann möchte ich nicht in einem Büro arbeiten. Die Freiheit auf dem Bau und in der Werkstatt ist gross. Wir haben Eigenverantwortung und können vieles selber entscheiden.
Haben Sie Haustiere?
Nein, das haben wir nicht. Drei Kinder reichen.
Autor: Schaffhauser Nachrichten
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